„Die deutschen Landwirte verlieren derzeit 800 Millionen Euro jeden Monat! Hält dies an, erleiden die Betriebe einen Verlust von drei Viertel ihres Einkommens. Das geht an die Wurzeln, viele Betriebe sind existenziell betroffen!“ sagte Gerd Sonnleitner, der Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), auf der Demonstration heute in Berlin im Rahmen der Aktionswoche des Deutschen Bauernverbandes für ein Krisenpaket Landwirtschaft. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat die Bauern voll erwischt. Die Kosten für Düngemittel, Futtermittel, Maschinen, Gebäude und Handwerkerstunden, Steuern und Abgaben steigen immer weiter an. Gleichzeitig fallen die Erzeugerpreise, „die landwirtschaftlichen Erzeugerpreise sind die Billigheimer der Nation“, wie Sonnleitner im Rahmen der Kundgebung kritisierte.
Sonnleitner: Aldi und Co. nutzen die Krise aus
Sonnleitner bezeichnete das Gebaren von Aldi, Lidl und den Discountern als modernes Raubritter- und Freibeutertum. „Sie nutzen die Krise aus - verschärfen sie noch weiter“, sagte Sonnleitner stellvertretend für die demonstrierenden Bauern. Der Wahnsinn der Preisspirale müsse nach unten endlich gestoppt werden, sonst würden Arbeitsplätze auf den Bauernhöfen und in der Verarbeitung vernichtet. Auf dem Spiel stünden auch die Qualitätssicherung und die langfristige Verfügbarkeit der lebensnotwendigen Nahrungsmittel. Angesichts der katastrophalen Lage am Milchmarkt rief DBV-Vizepräsident Udo Folgart auch die Molkereien auf, Verantwortung für den Markt, für Menge und Preis zu tragen. Die Molkereien müssten endlich ihre Strukturprobleme lösen, um in Augenhöhe für die Milchbauern angemessene Milchpreise aushandeln zu können. „Was da derzeit bei den Listungsgesprächen passiert, ist eine Riesenblamage für die Molkereien“, betonte Folgart.
Agrardieselsteuersatz senken und EU-Betriebsprämie vorziehen
Sonnleitner schlug erneut das große ABC der Landwirtschaft als Krisenhilfe vor. Die Europäische Kommission müsse Exporterstattungen gewähren und Verarbeitungsbeihilfen zahlen, um den Absatz zu fördern und Märkte zu beleben. Belastungen und Kosten könnten nach Einschätzung Sonnleitners dadurch gesenkt werden, dass „dieser unmöglich hohe und diskriminierende Steuersatz bei Agrardiesel in Deutschland“ endlich abgeschafft wird. Wenn die EU-Betriebsprämie bereits im Juli ausgezahlt werde, könne zudem Cash und Liquidität in den Betrieben gesichert werden. Bundesregierung, Bundesländer und Landwirtschaftliche Rentenbank müssten den Ehrgeiz haben, das Vorziehen der Betriebsprämie sicherzustellen, forderte der DBV-Präsident.
DBV-Vize Hilse: Bauern müssen geschlossen agieren
DBV-Vizepräsident Werner Hilse rief die Bauern zu Geschlossenheit auf, um die bäuerlichen Interessen in der Öffentlichkeit durchzusetzen. Derzeit seien alle Bereiche der Agrarmärkte in starke Turbulenzen geraten. „Wenn der Markt versagt, dann müssen bäuerliche Existenzen gesichert werden“, forderte Hilse die Politik auf. Neben einem Krisenprogramm Landwirtschaft sei dringend eine Entschlackung bei den Auflagen und mehr Wertschätzung für den Wert der Lebensmittel erforderlich.
Jandjugend und Landfrauen fordern Dumpingpreise abzuschaffen
Auch Brigitte Scherb, Präsidentin des Deutschen LandFrauenverbandes, appellierte an Politik und Verbraucher, dass endlich Schluss sei mit der „Geiz-ist-geil-Mentalität“ bei Lebensmitteln. Ebenso dürfe die Bevölkerung nicht mehr länger mit Analogkäse hinters Licht geführt werden. „Es darf kein Milchspeiseeis ohne Milch geben, nur um Dumpingpreise bei Lebensmitteln aufrechtzuerhalten“, forderte Scherb. Die Vorsitzende des Bundes der Deutschen Landjugend, Anne Hartmann, forderte, dass Qualität auch entlohnt werden muss. Bislang gelte aber das Motto „billig, billiger, am billigsten. Mit allen Mitteln werden die Preise gedrückt“, kritisierte Hartmann. Dieses Preisdumping müsse aufhören. Nur wenn das gelänge, gäbe es für die Junglandwirte eine wirkliche Zukunft. „Wir wollen auch in Zukunft auf unseren Betrieben wirtschaften und das wenn es sein muss 365 Tage im Jahr“, bekundete Hartmann. (pd)