Frankfurt/Main
Um 7.30 Uhr ist Bauer Dieter Reinhardt in Riedstadt auf seinen grünen Traktor geklettert und nach Frankfurt am Main getuckert. Immer wieder drückt er kräftig auf die Hupe, als er seinen Schlepper an den schicken Hochhäusern vorbei durch das Bankenviertel lenkt. Der Bauer mit dem Schnauzbart parkt direkt auf dem Opernplatz – neben rund 200 weiteren Traktoren. Mit der Aktion wollen die Landwirte auf ihre Existenznöte aufmerksam machen. Sie fordern einen Rettungsschirm für ihre Betriebe. Der Deutsche Bauernverband (DBV) spricht von rund 3000 Teilnehmern an der Kundgebung.
Im gelben Hemd steht Bauer Reinhardt auf dem großen Platz in der Innenstadt und zeigt auf die glänzenden Fassaden der Wolkenkratzer. Er finde es «ungerecht», dass die Regierung den Banken helfe und den Landwirten nicht. «Wir haben nicht die Macht», bedauert der 49-Jährige. Doch es nutze niemandem, wenn die landwirtschaftlichen Betriebe «kaputt» gingen. «Wir brauchen auch Schutz», fordert er.
Sein Familienbetrieb setzt auf Zuckerrüben. «Die Preise sind total im Keller», sagt Reinhard. Infolge der Wirtschaftskrise sei er nicht mehr in der Lage, kostendeckend zu produzieren. Nach Angaben des Bauernverbands sind die Preise für Getreide von 2008 auf 2009 um die Hälfte gesunken, die für Milch um rund ein Drittel. DBV-Präsident Gerd Sonnleitner sagt, dass die deutschen Landwirte derzeit 800 Millionen Euro pro Monat verlieren.
Es müsse ein «ABC» in der Landwirtschaft her, fordert Sonnleitner. A steht dabei für Absatz fördern, B für Belastungen senken und C für Cash – also «frisches Geld». Die geplante Senkung der Agrardieselsteuer sei ein Schritt in die richtige Richtung, sagt der Verbandschef. Fortschritte gebe es auch bei der Forderung, die Auszahlung der Hälfte der Betriebsprämien von Dezember auf Juli vorzuziehen. «Wir müssen höllisch aufpassen, dass wir nicht kurz vor dem Ziel aus der Bahn fliegen», betont Sonnleitner.
Eine Gruppe Milchbauern ist sauer, ihnen reichen die Forderungen des Verbandspräsidenten nicht aus. «Die Menge muss runter», ruft Bauer Klaus Hofmann aus dem Odenwald wütend. Die Milchmenge müsse sofort um fünf Prozent gesenkt werden, das sei das Wichtigste. Der Bauernverband und die Politik forderten stets mehr Absatz. «Aber man kann nicht mehr absetzen, als getrunken wird», sagt Hofmann. Erst wenn die Quote reduziert werde, gingen die Preise wieder rauf.
Auch Frank Giebisch ist Milchbauer. Doch er findet, dass die Debatte um die Menge nichts bringt. «Die Quote ist längst beschlossen», sagt der Landwirt. Außerdem habe es keinen Sinn, sich zu streiten. «Dann werden wir gar nicht mehr wahrgenommen», fürchtet Giebisch. Die Preise müssten hoch, anders gehe es nicht. Derzeit arbeite er 60 Stunden die Woche – ohne Lohn.
Sollte sich die wirtschaftliche Lage der Bauern nicht deutlich verbessern, müssen nach Angaben des Bauernverbands über 30 Prozent der rund 24 000 Betriebe in Hessen schließen. Auch Hans-Dieter Levihn aus Gründau sorgt sich um die Zukunft seines Hofs. Der Landwirt fürchte, dass keiner seiner beiden Söhne einmal den Betrieb übernehmen will. «Woanders können sie mehr verdienen», erklärt der 58-Jährige. Doch es könne kein Interesse daran geben, dass irgendwann nur noch Riesenflächen bewirtschaftet würden.